Die Kunst des Zitierens – Das Zitat und sein Kontext


Mit diesem zweiten Teil zur Kunst des Zitierens wollen wir den Blick einmal auf den Kontext richten, in dem ein Zitat gestellt wird. In vielen Videos und Postings, wie auch in gedruckten Publikationen, finden sich zahlreiche Zitate namhafter Persönlichkeiten, ohne dass eine eigene schöpferische Auseinandersetzung mit dem Zitattext stattfindet. Solange man sich mit dem Zitat oder mit der Aura des Autors nur schmückt, ohne selbst etwas zum Thema beizutragen, kann man noch nicht von einer wirklichen Zitierkunst sprechen.

So las ich vor Kurzem auf einem Telegramkanal folgendes Zitat von Rudolf Steiner:

Künstliche Intelligenz versklavt

Auf unsere jetzige Kultur, auf unsere reine Verstandeskultur, auf alles das, was sich in der Gegenwart immer mehr und mehr nach dem Abgrund des Verstandes hin entwickelt – und das können Sie auf allen Gebieten des Lebens erfahren –, wird eine Zeit kommen, in welcher der Mensch ein Sklave der Intelligenz sein wird, in der er als Persönlichkeit untergehen wird. Es gibt heute nur ein einziges Mittel, die Persönlichkeit zu bewahren, das ist die Spiritualisierung.

t.me/Kuelken (aufgerufen am 24.1.2026)

Am Ende des Zitats gab es die Quellenangabe: „Rudolf Steiner, 1908 (GA 104, S. 152)“.

Ein mIt KI erstelltes Bild über die KI

Mit diesem Zitat fand nun keinerlei Auseinandersetzung statt, es wurde ihm lediglich eine Überschrift beigefügt: „Künstliche Intelligenz versklavt.“ Und es wurde der Halbsatz, dass „der Mensch ein Sklave der Intelligenz sein wird“,im Fettdruck hervorgehoben.

Wenn der Leser das Zitat liest, kennt er in der Regel den Zusammenhang des Gesagten nicht. Er bekommt bei dieser Art des Zitierens keinen Kontext. Er weiß nicht, was mit der Verstandeskultur bzw. mit dem Abgrund des Verstandes gemeint ist, er weiß auch nicht, was mit der zukünftigen Zeit und mit der Intelligenz gemeint ist, deren Sklave er werden soll, und er weiß nicht, was Steiner mit dem Untergang der Persönlichkeit und mit der Spiritualisierung meint. Er kann lediglich Vermutungen anstellen oder bereits Gelesenes assoziieren, ein klarer und konkreter Kontext ist mit dem bloßen Zitat aber noch nicht gegeben.

Mit der hinzugefügten Überschrift und der Hervorhebung in Fettschrift ist auch die eigene Stellung des Interpreten noch sehr wenig konkretisiert. Eine eigenschöpferische Leistung lässt sich nicht erkennen. Als Leser kann man nur vermuten, dass derjenige, der das Zitat publiziert, die KI als eine ernstzunehmende Bedrohung für den Menschen ansieht, und dass mit dem Aufkommen der KI nun genau das eingetreten sein soll, was Rudolf Steiner damals vorhergesagt hat.

Zwischen den Zeilen drückt sich ein gewisser Protest gegen die derzeitige Entwicklung der KI aus, und der Schreiber fühlt sich durch die Aussage von Rudolf Steiner in seiner Meinung über die KI bestätigt. Nach dem Motto: „Ich warne vor den Gefahren der KI und Steiner hat auch schon davor gewarnt. Steiner wäre heute sicher auch ein Gegner der KI.“

Die hier gewählte Art des Zitierens ist allerdings sehr gebräuchlich. Es handelt sich um eine Art Meme, das kurz und prägnant ein zeitaktuelles Thema aufgreift, um ein bestimmtes Schlagwort oder eine bestimmte Aussage zu etablieren: „Künstliche Intelligenz versklavt“. Das ist das Mantra, das durch dieses Meme geprägt werden soll.

Trifft diese Aussage aber den Kern der Sache? Ist sie überhaupt wahr oder handelt es sich um eine Suggestion, die dem Leser nur gleichsam „subkutan injiziert“ werden soll? Ist es das, was Rudolf Steiner tatsächlich aussagen wollte, oder wird Steiner nur zur Bestätigung der eigenen Aussage herangezogen und benutzt?

Man muss dem Zitierenden zugutehalten, dass er den Originaltext nicht mit seinen eigenen Worten verfälscht und dass er die Quelle ordentlich benennt. Und man muss ihm zugutehalten, dass dieses Zitat sehr gut ausgewählt wurde, um wesentliche Fragen, die sich mit dem Aufkommen der KI heute stellen, zu beleuchten.

Ganz im Unterschied zu Rudolf Steiner gründet sich der Interpret aber nicht in dem konkreten und universalen Gedanken, aus dem Rudolf Steiner spricht, und es fehlt auch eine entsprechende eigene Forschungsleistung. Der Interpret bleibt in einer Art polarisierenden Haltung zum Zeitgeschehen. Er fühlt sich auf der „richtigen Seite“, indem er meint, das Gute erkannt zu haben bzw. das Gute zu wollen und deshalb gegen das Böse kämpfen zu müssen. Er bemerkt aber nicht, dass diese polare Haltung doch nur die andere Seite der gleichen Medaille ist und dass er mit dieser Art Protest doch nur wieder genau das fördert, das er zu bekämpfen glaubt.

Wovon spricht Rudolf Steiner in seinen Vorträgen über die Apokalypse des Johannes, aus denen das Zitat entnommen ist? Er spricht nicht von einem notwendigen Protest gegen eine aufkommende Intelligenz, sondern von der Entwicklungsanforderung, die durch den sogenannten Christusimpuls in die Welt gekommen ist. Die Intelligenz soll zur geistigen Entwicklung genutzt werden.

Die Menschen sind über die Kulturepochen hinweg immer mehr Bürger der irdischen Welt geworden. Sie haben ein Selbstbewusstsein errungen, aber ihre damals noch traumhafte Hellsichtigkeit verloren. Mit dem Christusimpuls am tiefsten Punkt wird es nun möglich, die Hellsischtigkeit wieder zu erlangen, nun aber mit vollreifen Selbstbewusstsein.
Nachbildung einer Tafelzeichnug von Rudolf Steiner (GA 104, S. 139)

Das Zitat ist aber insofern für den Kontext der KI sehr zutreffend, als Steiner in seinen Vorträgen betont, dass die gegenwärtige Zeit ihre Intelligenz vorrangig dazu nutzt, die materiellen Bedürfnisse zu befriedigen. Die technischen Errungenschaften – und das gilt auch für die heutige Digitalisierung – dienen primär der Befriedigung materieller Bedürfnisse. Damit bewegt sich der Mensch im Steinerschen Sinne tatsächlich weiter in den Abgrund des Materialismus und in den Verlust der Persönlichkeit. Mit der KI wird das persönliche Verhältnis von Mensch zu Mensch weiter ausgehöhlt und das angebotene Wissen nahezu vollständig entpersonalisiert. Dies scheint tatsächlich zu dem im Zitat benannten zunehmenden Verlust der Persönlichkeit beizutragen.

Der heutige Mensch hat aber, wie Rudolf Steiner ausführt, die Möglichkeit, seine Bewusstseinskräfte zur Spiritualisierung zu nutzen, also die geistigen Hintergründe des Lebens zu erforschen und diese zum Leitstern des Handelns werden zu lassen. Wenn er aber Kenntnis der Möglichkeit und Notwendigkeit zur Spiritualisierung hat und diese nicht nutzt, sondern sich ganz dem Strom der Zeit hingibt, dann wird er sich weiter in den genannten Abgrund des Materiellen hineinbewegen und darin verhärten.

Die Zeit, die Rudolf Steiner vorhersagt, in der der Mensch ganz zum Sklaven seiner Intelligenz werden wird, in der er also nicht mehr autonom handeln und entscheiden kann, wird aber erst in der Folge davon eintreten. Sie wird in mehreren Tausend Jahren eintreten, nach Ablauf zweier weiterer Kulturepochen, die der jetzigen noch folgen werden. Die Kulturepochen, die bis dahin noch folgen werden, sollen zeitlich so umfangreich sein, wie die griechisch-römische, die ägyptische oder die alte persische Kulturepoche. Erst danach wird der Mensch, der seine Entwicklung versäumt, zunehmend Sklave seiner Intelligenz. Die jetzige und in den beiden folgenden Epochen, sind dazu bestimmt, der Menschheit die Möglichkeit zu bieten, durch die Aufnahme des Christusimpulses, den Aufstieg zu nehmen und dieses Schicksal abzuwenden.

Es ist also nicht die künstliche Intelligenz, die den Menschen versklavt, sondern es ist die versäumte Entwicklungsleistung, die den Menschen zum Sklaven seiner eigenen Versäumnisse werden lässt. Der Mensch ist insofern nicht abhängig von den äußeren Verhältnissen. Die KI stellt natürlich eine gewisse Herausforderung für den Menschen dar, wie schon das Internet, der Computer oder das Telefon. Diese technischen Errungenschaften sind aber an sich neutral, es kommt vielmehr darauf an, wie der Mensch damit umgeht und wie er sich dazu stellt. Die äußeren Verhältnisse, wie auch die KI bieten also dem heutigen Menschen genau die ihm entsprechende Entwicklungsanforderung, sich nicht dem Strom der Zeit passiv hinzugeben, sondern seine Bewusstseinskräfte zur Spiritualisierung zu nutzen.

So geeignet und sinnvoll das Zitat also für die gegenwärtige Zeit ist, so unzutreffend ist die daran geknüpfte Aussage. Es müsste nicht heißen: „Künstliche Intelligenz versklavt“, sondern: „Die eigene unterlassene Entwicklungsleistung zur Spiritualisierung versklavt“.

Es ist ein großer Unterschied, ob man die äußeren Umstände für das eigene Schicksal verantwortlich macht oder diese selbst ergreift.

Damit wird deutlich, dass der Interpret ein ausgesprochen wertvolles und für den Sachverhalt geeignetes Zitat ausgewählt hat, dabei aber versäumt hat, sich in den ursprünglichen Gedanken so weit zu vertiefen, dass er diesem zur Ausstrahlung verhilft, und diesen nicht in seine eigene, etwas polarisierende Sichtweise hineinzieht. Das wird natürlich bei so großartigen Persönlichkeiten wie Rudolf Steiner immer zu einem gewissen Grad geschehen müssen. Dennoch sollte das Zitat den Leser, ebenso wie auch den Zitierenden selbst, tendenziell in die Dimensionen des Autors erheben und nicht diesen in die eigene Welt herunterziehen. Und hierzu erscheint die eigene inhaltliche Auseinandersetzung des Zitierenden unabdingbar erforderlich.

Die Kunst des Zitierens würde in diesem Sinne darin bestehen, die Aussage Rudolf Steiners so lange und so intensiv herauszuarbeiten, bis der Interpret wie auch der Leser selbst in den Höhenflug des Zitats einmündet.

Ein nächster Artikel zu diesem Thema soll die gesundheitliche Wirkung und die besondere Lebenserkraftung durch das Lesen bzw. Zitieren beleuchten.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert