Der spirituell-soziale Prozess


Heinz Grill bezeichnet die Ausarbeitung des sogenannten spirituell-sozialen Prozesses als seine größte Errungenschaft.

Was bedeutet spirituell-sozialer Prozess?

Cornelia Hahn und Heinz Grill im Gespräch

Der spirituell-soziale Prozess bedeutet, dass Menschen sich inhaltlich begegnen, ihre Anliegen formulieren, sich mit dem jeweiligen Gegenüber abstimmen und sich schließlich auf einer gemeinsamen inhaltlicher Ebene wirklich begegnen lernen. Spirituell ist dieser Prozess, insofern es sich um Inhalte handelt, die den Menschen in der Seele berühren bzw. in seinem schöpferischen Potential ansprechen.

Sozialer Prozess bedeutet nichts anderes, als dass sich Menschen aktiv zu einem Thema gemeinsam begegnen, und dass beide in klarer Themenorientierung objektiv zueinander finden, ohne Positionen oben und unten zu rechnen. (Heinz Grill, YouTube-Video)

Menschen begegnen sich dann nicht mit fixen Vorstellungen, sondern lernen sich gegenseitigen in den jeweiligen Bedürfnissen wahrzunehmen. Diese Begegnung bedeutet für beide eine großartige Erweiterung ihrer Möglichkeiten.

Beispiel: Bauherr und Architekt

Der Bauherr sieht im Sinne des sozialen Prozesses den Architekten nicht nur als bezahlten Ausführer seines Vorhabens, sondern geht davon aus, dass auch der Architekt ein ideales Haus verwirklichen möchte. Und der Architekt drückt nicht dem Bauherren seine Vorstellungen einer gelungenen Architektur auf, sondern erfragt zunächst das Anliegen und die Vorstellungen des Bauherren. Da die Vorstellungen des Bauherren oftmals noch nicht vollständig ausgereift sind, kann der Architekt diese evtl. mit seiner Fachkunde erweitern, bis schließlich ein Thema entsteht, das für beide Seiten von Interesse ist. Der Bauherr äußert beispielsweise, dass er sich einen hellen, lichten Wohnraum wünscht. Der Architekt kann nun fragen, ob er diesen lichten Wohnraum durch eine große Fensterfront wünscht oder vielleicht sogar durch die bewusste Anordnung der verschiedenen Gestaltungselemente. Offene Winkel in der Fensteröffnung wirken beispielsweise lichter als die üblichen rechten Winkel. Proportionen können einen Raum beschweren oder ihn hell und weit erscheinen lassen. Damit kann sich ein interessantes Thema eröffnen, in dem sich beide begegnen können.

Offene Winkel in der Fenstergestaltung

Dieser hier nur in ersten Ansätzen skizzierte Prozess lässt sich auf nahezu alle Berufe übertragen, beispielsweise auf das Verhältnis zwischen Arzt – Patienten, Anwalt – Klient, Lehrer – Schüler, Handwerker – Kunde u.v.m.

Natürlich besitzt ein Architekt, Arzt, Lehrer oder Anwalt seine fachliche Kompetenz und damit eine gewisse Autorität. Der Klient besitzt aber ebenfalls Vorstellungen und Erfahrungen und sollte sich im Sinne einer positiven Begegnungsebene nicht passiv einer fremden Autorität hingeben, sondern auch seine Kapazität in die Begegnung einbringen. Je mehr ein gemeinsames Thema entsteht, desto mehr heben sich die oftmals entstehenden vorhandenen Autoritätsverhältnisse von oben und unten auf.

So bringt dieser Prozesse für beide Seiten Erweiterungsmöglichkeiten und vor allem eine tatsächliche Verbindung. Gerade in Betrieben mit Vorgesetzten und Angestellten ermöglicht er eine größere Freiheit von irrationalen Autoritäts- und Hierarchiestrukturen. Ungünstige psychologische Bindungen und Abhängigkeiten im sozialen Gefüge können damit leichter erkannt und überwunden werden. Der soziale Prozess führt zu einer spürbaren sozialen Stabilisierung.

Auf dem spirituellen Gebiet

Hier stellt sich die Frage, wie sich der Einzelne spirituell entwickeln kann, ohne sich vom sozialen Leben zu entfremden?

Der Meditierende nimmt sich aus dem sozialen Leben heraus.

Gerade im Umgang mit spirituellen Übungen, Meditationen oder Schulungswegen besteht die Gefahr, sich zu sehr aus dem sozialen Leben zu entfremden oder bestimmten Lebensanforderungen zu entfliehen. Indem aber die vertikale, gedankliche Ebene sich mit der horizontalen Ebene des sozialen Miteinanders günstig verbindet, entsteht eine Brücke zwischen den großen Gegensätzen von Geist und Materie bzw. von spiritueller Orientierung und alltäglicher Lebenspraxis.

Der Einzelne findet mit diesen Grundlagen in allen Lebensbereichen in eine produktivere Kommunikation. Die so häufigen und oftmals untergründigen Missionierungsabsichten können damit genauso überwunden werden wie auf der anderen Seite das zu selbstlose Aufgehen in spirituellen Erfahrungen oder spirituellen Gemeinschaften.

Etwas für andere tun

Erich Fromm

So wie es nach Erich Fromm eine Haben-Kultur und eine Seins-Kultur gibt, könnte man auch von einer Haben- und einer Seins-Spiritualität sprechen. Letztere sucht nicht nur für sich in der Übung einen spirituellen Erfolg beispielsweise in Form einer energetischen Bereicherung, sondern sie sucht sich einen konstruktiven Umgang mit geeigneten Inhalten, die auch den Wunsch des Menschen nach Erweiterung seiner Beziehungen und Fähigkeiten ansprechen. Damit lernt der Einzelne etwas für andere zu tun, ohne sich selbst aufgeben oder unterordnen zu müssen. (Erich Fromm, Haben oder Sein)

Wie ist der soziale Prozess entstanden?

Diese Prozess wurde von Heinz Grill über 30 Jahre hinweg in nahezu allen seinen Schriften ausgearbeitet und weiterentwickelt. Ein explizit ausgearbeitetes Kapitel zu diesem Prozess findet sich in dem Buch Das Wesensgeheimnis der Seele. In anderen Büchern (z.B. in seinem Pädagogikbuch) benennt er ihn als Sonnenprozess. Es finden sich in all diesen Büchern Anregungen, wie der Einzelne seine schöpferische Kapazität entfalten und eine für andere wirksame und förderlich ausstrahlende Persönlichkeit entfalten kann. Ein Lehrer wirkt dann beispielsweise auf seine Schüler nicht nur durch seine Unterrichtsmethode, sondern auch durch seine Person und durch die Art, wie er das Thema seines Unterrichts selbst durchdringen und für die Schüler verlebendigen kann. Und ein Arzt wirkt dann nicht mehr nur, indem er ein Rezept ausstellt, sondern auch durch die Wahrnehmungen und Gedanken, die er aus seiner seelischen Kapazität dem Medikament beifügt.

Im Bereich der Architektur und des Wirtschaftslebens hat Heinz Grill diesen Prozess zusammen mit Karl-Dieter Bodack weiterentwickelt. (Aspekte einer beginnenden Synthese von Spiritualität und Baukunst) K.-D- Bodack war Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn und hat mithilfe dieses Prozesses zahlreiche Projekte zur Umsetzung gebracht, beispielsweise die ästhetische Gestaltung der Interregiozüge zur Überwindung des überhandnehmenden Vandalismus. Auch in der Gründung von Waldorfschulen und anderen sozialen Projekten war er sehr erfolgreich. Durch ihn fand der soziale Prozess auch als Unterrichtsfach Einzug in den Hochschulbetrieb.

Gespräch zwischen Heinz Grill, K.-D. Bodack und Rainer Dahlhaus


Der spirituell-soziale Prozess geht aber bereits auf Rudolf Steiner zurück und findet sich sogar in den Schriften indischer Gelehrter wie Sri Aurobindo oder Swami Sivananda. Rudolf Steiner bewertete beispielsweise den Yogaweg als einen Anachronismus, da er den Menschen tendenziell mehr in eine Art spirituelle Versenkung führe und damit aus dem sozialen Leben entfremde. Er betonte die Notwenigkeit eines „Neuen Yogawillens“, der wie die Anthroposophie den Menschen befähige, spirituelle Inhalte auch in das alltägliche Leben zu integrieren. (Rudolf Steiner, Die alte Yoga-Kultur und der neue Yoga-Willen)

Sri Aurobindo

Und der große indische Geistlehrer Sri Aurobindo spricht von dem „Supramental“, einer schöpferischen geistigen Dimension, die durch den Menschen auf der Erde verwirklicht werden soll. Der Mensch solle sich nach seiner Auffassung heute nicht mehr nur zu einer geistigen Erfahrung emporarbeiten, sondern vielmehr diese geistige Dimension durch seine Schöpferkräfte auf der Erde im sozialen Kontext verwirklichen lernen und somit die Erde vergeistigen. (Sri Aurobindo, Die Synthese des Yoga )

Wo kann man den Sozialen Prozess studieren?

Götz Werner

Zahlreiche anthroposophische Initiativen bemühen sich um einen sprituell-sozialen Prozess in ihren Einrichtungen. Beispielsweise versucht der Unternehmer Götz Werner seine bekannte Reformhauskette DM so zu führen, dass jeder Mitarbeiter nicht nur seine Arbeitskraft einbringen, sondern auch mit seiner Arbeit eine persönliche und erstrebenswerte Weiterentwicklung verbinden kann. (Götz Werner, Die Treppe muss von oben gefegt werden.)

Bei Seminaren unter Anleitung von Heinz Grill kann der Einzelne in vorbildlicher Weise erleben, wie sich das jeweilige Seminarthema nicht durch Lehren und Rezipieren aufbaut, sondern indem auch die Teilnehmer ihre Beiträge zum Thema hinzufügen. Jeder Beitrag ist dann wie ein Baustein, der nur an den richtigen Platz kommen muss. Dieser Prozess des rhythmischen Zusammenwirkens zu einem Thema wird in der Regel als sehr befreiend von Zwängen und Autoritäten erlebt und führt zu einem außerordentlich lebendigen Themenaufbau, an dem alle beteiligt sind. (s. Heinz Grill, Beträge zu einem neuen Yogawillen.)

Literatur zum sozialen Prozess

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